Populationsökologische Studien am Kolkraben (Corvus corax)

Invasive Tierarten und deren Ausbreitungs- sowie Etablierungsmechanismen werden intensiv erforscht. Arealausbreitung und Wiederbesiedlungsprozesse einheimischer Arten liegen hingegen weniger im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Anhand einer Modellart – dem Kolkraben – erforsche ich den Prozess der Wiederbesiedlung einer hoch mobilen Art. Im Gegensazt zu Tierarten mit vergleichbaren Populationszusammenbrüchen Mitte des 19. Jahrhunderts wie bspw. Schwarzstorch (Ciconia nigra), Wolf (Canis lupus) oder Luchs (Lynx lynx) handelt es sich beim Kolkraben um eine ubiquitäre Spezies, die nicht an spezielle Nahrungsgrundlagen oder Habitate gebunden ist. Kolkraben haben eine ausgesprochen breite ökologische Amplitude und besiedeln zahlreiche Ökosysteme der nördlichen Hemisphäre.

Museumsarbeit: Historische DNA Proben des Kolkraben (Corvus corax jordansi)

Museumsarbeit: Historische DNA Proben des Kolkraben (Corvus corax jordansi)

Mittels DNA-Analysen (Mikrosatelliten, SSR) untersuche ich die Wiederbesiedlung Mitteleuropas durch den Kolkraben. Bei dieser Studie stehen verschiedene ökologische Fragestellungen im Vordergrund:

  • Woher stammen die Tiere, die sich derzeit in Mitteleuropa ausbreiten?
  • Gibt es eine genetische „Verarmung“ durch die lokalen Ausrottungen (ggf. historische Daten aus Sammlungen, Museen)?
  • Verlief die Wiederbesiedlung zunächst über große geschlossene Waldregionen (Kartenmaterial)?
  • Wie wird sich die weitere Bestandssituation der mitteleuropäischen Kolkraben weiterentwickeln (computerbasierte Modellierung)?

Die Ergebnisse werden den faszinierenden Prozess einer natürlichen Wiederbesiedlung durch eine ehemals heimische Großvogelart verdeutlichen. Die langfristige Etablierung und das Überleben der Kolkrabenpopulationen in Mitteleuropa hängen jedoch von der Akzeptanz in der Bevölkerung ab …

In den letzte Jahren wurden über 600 DNA-Proben von Kolkraben aus dem gesamten Verbreitungsgebiet zusammengetragen. Die phylogenetischen und phylogeographischen Muster des holarktisch verbreiteten Kolkraben sollen mittels mitochondrialer DNA-Marker untersucht werden. Dazu bediene ich mich der Sequenzierung der Kontrollregion (Domain I) und des Cytochrom-B Abschnittes.

Hintergrundinformationen zur Ausrottung und Wiederbesiedlung im Mitteleuropa:

Tausendfach vergiftet, abgeschossen oder erschlagen, schreiben viele Rabenvogelarten in Europa eine “schwarze Geschichte”. Auch der größte heimische Singvogel, der Kolkrabe, erlitt in Europa massive Bestandseinbrüche und wurde schließlich großflächig ausgerottet.

In den Niederlanden beispielsweise, setzte um 1900 ein starker Rückgang ein, welcher zum vollständigen Verschwinden der Art im Jahre 1927 führte. In Belgien brütete er letztmals 1919 und in Luxemburg verschwand er schon Ausgang des 18. Jahrhunderts. In Deutschland kamen Raben einst in allen größeren Waldgebieten als Brutvogel vor. Mitte des 18. Jahrhunderts war ein Absinken der Bestandsgrößen zu verzeichnen. Um die Jahrhundertwende fehlte der Rabe bereits in Baden-Württemberg, Hamburg, in der Pfalz, in Sachsen, Schlesien, Thüringen und Westfalen als Brutvogel. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Kolkrabe im westlichen Mitteleuropa bereits ausgerottet !

Letzte Refugien lagen im norddeutschen Raum, in Polen sowie in entlegenen Tälern der Alpenregion. Erst nach Beendigung der aggressiven Verfolgung durch den Menschen und anfängliche Schutzbemühungen expandierte der Kolkrabe wieder in Richtung seiner ehemaligen und angestammten Verbreitungsgebiete. Die Wiederbesiedlung wurde genährt von den Teilpopulationen der Rückzugsgebiete.

Obwohl der Kolkrabe bereits seit einigen Jahrzehnten wieder in der Ausbreitung begriffen ist, ist bis dato noch nicht das gesamte ehemalige Verbreitungsgebiet wiederbesiedelt. In einigen deutschen Bundesländern (Schleswig-Holstein, Mecklenburg Vorpommern) ist er jedoch wieder nahezu flächendeckend als Brutvogel vertreten. Heute können in weiten Teilen Mitteleuropas wieder Kolkraben beobachtet werden und der einst häufige Großvogel bereichert wieder die heimische Fauna.

Mit seinem Schicksal steht der Kolkrabe beispielhaft für mehrere europäische Großtierarten wie etwa dem Schwarzstorch (Ciconia nigra), dem Luchs (Lynx lynx)oder dem Wolf (Canis lupus). Während viel Arten in Mitteleuropa in ihren Populationen gefährdet sind, schaffen es einige ehemals ausgerottete Arten aufgrund von Schutzbemühungen ihre ehemaligen Areale wieder zu besiedeln. Für künftige Artenschutzmaßnahmen ist es wichtig, derartige Wiederbesiedlungsprozesse zu dokumentieren und zu verstehen, um künftige Schutzstrategien zu entwickeln und das langfristige überleben der Arten zu gewährleisten.

Der genaue Ablauf der mitteleuropäischen Wiederbesiedlung durch den Kolkraben – ausgehend von den drei Refugialgebieten – ist nicht abschließend geklärt. Von welchen Reliktpopulationen die Kolkraben im Bereich der aktuellen Wiederbesiedlungsfront abstammen ist ebenfalls unklar. Inwiefern sich die Kolkraben genetisch unterscheiden und ggf. so genannte „ökotypen“ (Buchenbrüter, Koniferenbrüter, Felsbrüter) ausgebildet haben, ist offen.

Die Forschungsarbeiten werden finanziell unterstützt von:

Diplomarbeit

Rösner, S. (2002): Räumliche Aspekte zur Aasnutzung von Kolkraben Corvus c. corax L. 1758 im Wald von Bialowieza (Nord-Ost Polen), Betreuung / supervisor: Prof. H.-W. Bohle.

Zusammenfassung: Im Zeitraum von Januar bis Juni 2001 wurden im Waldgebiet von Bialowieza (Ostpolen) Untersuchungen zur Aasnutzung bei Kolkraben Corvus corax durchgeführt. Markierte Aasköder wurden in unterschiedlichen Distanzen zu Horstbäumen brütender Kolkraben ausgelegt, um über Wiederfunde der Marker am Horstbereich räumliche Aspekte wie Reviergröße, Streifgebiet und Habitatnutzung zu untersuchen. Als Marker dienten zwei bis drei Millimeter große Plastik-Schnipsel, welche durch Farb-, Form- und Materialkombinationen eine individuelle Markierung der Aasköder ermöglichten. Diese wurden in Gewöllen und Kot von Kolkraben wiedergefunden. Die Köder (n= 57) bestanden aus je 10 bis 20 kg Wildtiereingeweiden oder Hühnern und wurden nach einem festgelegten Schema in unterschiedlichen Habitattypen und Entfernungen von sieben besetzten Kolkrabenhorsten ausgelegt. Zudem wurden weitere große Kadaver mit Markern gekennzeichnet. In Anlehnung an andere Arbeiten ist diese Methode eigens für die vorliegende Studie entwickelt worden. An mindestens 89 % der markierten Kadaver hatten sich Kolkraben zur Nahrungsaufnahme eingefunden. 79 % der von Raben besuchten Auslagen waren bereits innerhalb der ersten 24 Stunden von diesen entdeckt und genutzt worden. An 34 von den 63 markierten Kadavern konnte durch die neue Methode eine Nahrungsaufnahme zweifelsfrei nachgewiesen werden. Neben Kolkraben wurden 14 weitere Aasfresser-Arten (Säuger und Vögel) an den Kadavern nachgewiesen.

Als übergeordnetes Kriterium zur Aasnutzung durch territoriale Kolkraben stellte sich die Entfernung zwischen Kadaver und Nistplatz heraus. Über eine binäre Logit-Analyse konnte ein Schwellenwert von ca. 2.000 m ermittelt werden. Innerhalb dieses Bereiches wurden die ausgelegten Kadaver vom jeweiligen Brutpaar häufig genutzt (mindestens 62 %, n= 45) und nahezu ausschließlich von diesem in Anspruch genommen. Damit ergibt sich eine Territoriumsgröße von 13 km². Innerhalb des Territoriums war die Aasnutzung vom Habitattyp der Auslagen unabhängig: Geschlossener Wald, Lichtung und Offenland wurden gleichermaßen genutzt. Auch kleinräumige (400 m2) Habitateigenschaften wie Kronenschluss und Vegetationsdichte hatten keine signifikanten Einflüsse auf die Nutzbarkeit von Aas.

Außerhalb des Territoriums wurden Auslagen und Kadaver nur in Ausnahmen (n= 9) und bis maximal 5.580 m genutzt, was einer minimalen Streifgebietsgröße von ca. 100 km² entspricht. Diese Ausnahmen wiesen zwei Besonderheiten auf. In 44 % der Fälle waren gleichzeitig mehrere Nichtbrüter präsent und/oder das Aas war in offenen Habitaten wie kleinen Waldlichtungen oder Offenland gelegen. Diese beide Faktoren ermöglichten und begünstigten das Eindringen in Territorien benachbarter Tiere. Für immature Kolkraben konnte die Nutzung von Aas innerhalb des Waldes und damit innerhalb der Territorien brütender Rabenpaare nachgewiesen werden, wobei dies immer in Zusammenhang mit größeren Nahrungsquellen (z.B. Wisent-, Hirsch-, Kuh-, Pferdekadaver) zu stellen war. Aus Entfernungen von bis zu 14,8 km wurden entsprechende Marker an deren Schlafplatz nachgewiesen. Größere Ansammlungen nichtbrütender Individuen (max. 74) konnten darüber hinaus durch Sichtbeobachtungen bis zu mindestens 18,5 km vom Schlafplatz entfernt belegt werden. Daraus ergibt sich eine Streifgebietgröße von mindestens 1.075 km2.